Faszination Bumerangwerfen
Was treibt 5 bis 75jährige eigentlich immer wieder auf den
Wurfplatz?
Wir
Bumerangwerferinnen und -werfer hinterfragen und erforschen vieles
rund um unser Lieblingsspiel- und sportgerät: Wie schaffe ich
es, daß mein Bumerang schneller, höher, weiter fliegt?
Welche Formen, Profile, Materialien u.v.m. sind möglich? Immer
steht der Bumerang im Mittelpunkt unserer Betrachtungen, Tüfteleien
undForschungen.
In
diesem Beitrag möchte ich uns Werfern den Spiegel vorhalten
und mich der Frage widmen: Wie kommt es, daß wir völlig
unabhängig vom Alter (jedoch offensichtlich geschlechtsabhängig)
immer wieder Bumerangs zur Hand nehmen und sie wegwerfen, obwohl
wir doch genau wissen, daß und auf welcher Flugbahn sie etwa
zurückkommen. Warum wird dieser sich stets wiederholende Vorgang
nicht langweilig?
Vereinfacht
auf den Punkt gebracht heißt das: Worin steckt für jede(n)
einzelne(n) von uns der Sinn des Bumerangwerfens? Was gibt uns das
Bumerangwerfen? Schließlich würde sich keine(r) von uns
sagen lassen, daß Bumerangwerfen eine sinnlose Freizeitbeschäftigung
- oder?
Ich
möchte mich der selbstgestellten Problematik von der sportpädagogischen
Seite nähern. Zum einen hat Bumerangwerfen unstrittig etwas
mit den Bereichen Sport, Spiel und Bewegung zu tun, zum anderen
verstehe ich mich selbst als Bumerangsportler. Nicht zuletzt müssen
sich auch oder gerade die Sportler nach dem Sinn ihrer Tätigkeiten
fragen: Warum versucht der 400m Läufer so schnell wie möglich
einmal um den Platz zu sprinten, um dort anzukommen, wo er sowieso
schon war? Warum wirft der Speerwerfer sein Sportgerät immer
wieder fort? Er muß es -zumindest im Training- ja doch nur
wiederholen. Und wieso versucht er unter diesen Bedingungen den
Speer auch noch besonders weit zu werfen? Es könnten beliebig
viele Beispiele auch aus anderen Sport- oder auch Lebensbereichen
angeführt werden.
Für
den Bereich des Sports unterscheidet der Bielefelder Sportpädagogikprofessor
D. Kurz sechs verschiedene Sinngebungen: Leistung, Eindruck, Gesundheit,
Ausdruck, Miteinander, Spannung So liegen die inneren Antriebe des
Ausdauerläufers möglicherweise im Gesundheitsmotiv, die
des Keglers in der Geselligkeit des Miteinander, die der Jazztänzerin
im Ausdruck usw. begründet. Eine Verschmelzung mehrerer Sinngebungen
ist nicht nur möglich, sondern durchaus gängig. So strebt
der Jogger vielleicht gleichzeitig nach einer Verbesserung seiner
Leistung, während der Tänzerin ebenso das Miteinander
beim Tanzen wichtig ist. Wo liegen die Antriebsfedern für die
Freundinnen und Freunde des Bumerangs?
Im
folgenden Beitrag möchte ich herausstellen, was unter den genannten
sechs Sinngebungen genauer zu verstehen ist und was sie für
jede(n) einzeln(e) von uns für eine individuelle Bedeutung
haben (können).
These:
Wir werfen Bumerangs, weil wir etwas leisten wollen.
Das Leistungsmotiv ist für das Betreiben einer Sportart,
aber sicher auch im Rahmen vieler Freizeitbeschäftigungen von
ganz besonderer, ja vermutlich sogar von übergeordneter Bedeutung.
Vereinfacht läßt sich der Leistungsbegriff für den
Bereich Sport und Spiel wie folgt kennzeichnen: Von einer Leistung
kann dann gesprochen werden, wenn eine Handlung bewußte Bemühungen
bzw. Anstrengungen erfordert, damit ein individuelles, selbst gesetztes
Ziel erreicht wird. Ein Vergleich von Zielsetzung und Erreichtem
macht eine abschließende Leistungsbewertung möglich.
In
Bezug auf alle Bumerangwerfer, die regelmäßig oder auch
nur gelegentlich bei Wettkämpfen teilnehmen und sich damit
direkten Leistungsvergleichen auf der Grundlage normierter Regelwerke
unterziehen, erscheint diese Aussage verständlich. Hier stehen
die sportlichen Leistungen offensichtlich im Mittelpunkt des Geschehens,
auch wenn viele Teilnehmer betonen werden, daß für sie
die Kommunikation untereinander - also das Geselligkeitsmotiv -
wesentlicher Grund ihres Erscheinens ist. Alle Wettkampfteilnehmer
werden sich anstrengen, um so gut wie möglich abzuschneiden.
Die Leistungsbewertung kann dabei individuell sehr unterscheidlich
ausfallen, da die Zielsetzungen der einzelnen Werfer in der Regel
unterschiedlich sind. Der Altmeister fährt mit
einem 10. Platz in der Gesamtwertung enttäuscht nach Hause;
der Neuling freut sich sehr über seinen 21. Platz
bei 45 Teilnehmern.
Die
meisten Bumerangfreunde gehören jedoch zur Gruppe der gelegentlichen
Freizeitwerfer. Ich möchte im folgenden belegen, daß
auch diese Werfer eine starke Leistungsorientierung aufweisen. Die
Motive der Freizeitwerfer sind allerdings anders strukturiert. Sie
vergleichen ihre Wurf- und Fangleistungen weniger mit denen anderer
Werfer. Sie gehen nach Feierabend oder am Wochenende mit bestimmten
(?) Erwartungen, möglicherweise auch unbewußten Zielen
auf die nächste Wiese. Sie wollen Spaß haben.
Spaß haben Bumerangwerfer aber nur, wenn ihr Bumerang zurückkommt,
gefangen werden kann usw., d.h. wenn ihre Erwartungen erfüllt
werden.
Nur
dann waren sie erfolgreich und haben letztlich das erreicht (geleistet),
was sie sich vorgenommen hatten. Alle Menschen streben in unterschiedlichem
Maß nach Erfolgserlebnissen. Wenn uns das Bumerangwerfen in
der Weise gelingt, wie wir es uns vorgestellt haben, reagieren wir
mit Wohlbefinden (es hat Spaß gemacht). Eventuell
sind wir sogar auf unsere gerade erbrachten Leistungen stolz (der
erste selbstgebaute Bumerang kommt zurück, der erste Fang oder
der erste 30 Sekunden-Flug mit dem LZF ist gelungen usw.). Ohne
entsprechende individuelle Erfolge/Leistungen wird jeder Bumerangbesitzer
seine Wurfgeräte in der Ecke liegen lassen (weil Bumerangwerfen
keinen Spaß macht). Besondere Erfolge reichen
dabei bereits in eine andere Sinngebung des Sports hinein, nämlich
in die Sinngebung Eindruck. Und sicherlich hat jeder
Bumerangwerfer ein paar eigene, besonders beeindruckende Leistungen
in seinem Gedächtnis gespeichert - oder nicht?
These:
Wir werfen Bumerangs, weil uns der Rückkehrflug unserer Wurfgeräte
beeindruckt.
Diese Sinnperspektive beinhaltet Bereiche wie die Körperwahrnehmung
und Körpererfahrung. Vor allem meditative Sportarten, wie z.B.
Yoga oder Tai Chi, sind mit dieser Sinngebung engstens verknüpft.
Nur wer starkes Interesse hat, die eigenen Sinne und Wahrnehmungen
auszubilden, wird einer entsprechenden Sportart zugeneigt sein und
ihr treu bleiben.
Welche
Verbindungen lassen sich nun zum Bumerangwerfen herstellen?
Wer
folgende Ausspruch von Gerlach aus dem Jahre 1886 macht deutlich,
was sich für uns hinter dieser Sinngebung verbirgt: Dies
ist der wunderbare Bumerangwurf, der vor allen anderen Würfen
den Schauenden in Staunen und Verwunderung versetzt.
Die
meisten Bumerangwerfer haben ihren Erstkontakt mit den faszinierenden
Rückkehrern sicher als Zuschauer live - oder wie ich - am Fernsehbildschirm
erlebt. Als eher passiv Wahrnehmender ist der Betrachter vom ästhetischen
Flugbild der 50 - Meter - Flieger genauso beeindruckt wie von den
pfeilschnellen Kurzstreckenbumerangs mit ihren surrenden, teils
zischenden Begleitgeräuschen. Der nicht enden wollende Schwebeflug
des Langzeitfliegers ist genauso mitreißend wie die bizarren
Leuchtspuren, die von unterschiedlichen Bumerangs an den Nachthimmel
gezeichnet werden. Beim Betrachter lösen die Bumerangs Wortfetzen
wie unglaublich, irre o.ä. aus, die
in der Regel unmittelbar mit dem Wunsch bzw. der Frage versehen
sind : Darf ich mal sehen? oder direkt: Darf
ich mal werfen. Aus der Rolle des passiven Beobachters,
der in den Bann des Rückkehrbumerangs gerät, wird ein
aktiv Handelnder. Wirkt die Faszination der Bumerangs stark und
bringt der Betrachter ein Grundmaß an Wurf- und Bewegungstalent
mit, so hat unser Freizeitsportgerät wieder einen neuen
Bumerangwerfer hervorgebracht.
Die
Sinnperspektive EINDRUCK ist in meinen Augen ein wesentliches, wenn
nicht das entscheidende Einstiegsmotiv, warum jemand ein Bumerangfan
wird. Um ein Bumerangwerfer zu bleiben, bedarf es vermutlich weiterer
Sinngebungen.
These:
Wir werfen Bumerangs, weil wir gesund und fit sein bzw. bleiben
wollen.
Ich persönlich kenne niemanden, der das Bumerangwerfen in erster
Linie aufgrund dieses Motivs betreibt. Diesem Leitmotiv folgen vor
allem die Ausdauersportler. Das können z.B. Jogger, Aerobic-Sportler
oder auch Freizeitschwimmer sein. Daß der Bumerangsport auch
positive Einflüsse auf unser körperliches Wohlbefinden,
und damit auf unserere Gesundheit hat, ist aber unbestreitbar. So
ergaben z.B. Belastungsmessungen bei Sportstudierenden so hohe Herzfrequenzwerte,
daß regelmäßiges Bumerangwerfen eine Verbesserung
der Ausdauerfähigkeit zur Folge hat (s.Bericht an anderer Stelle).
Für die Bumerangwerfer ist das Gesundheitsmotiv aber sicher
ein eher (unbemerktes?) Randmotiv.
Gerade
der Schönwetter-Freizeitwerfer wird häufig
mit positiven Gefühlen von der Wurfwiese heimkehren und sich
wohl fühlen. Dieses Wohlbefinden - es läßt sich
wieder einmal mit es hat Spaß gemacht umschreiben,
hinterläßt positive psychosomatische Reize bzw. Erinnerungen.
Der Wunsch gleiches wiederholt zu erleben setzt sich möglicherweise
fest. Bumerangwerfen kann als Ausgleich und Muße im streßvoll
erlebten Berufsalltag sowohl in psychischer Sicht (entspannend)
als auch in physischer Sicht (angenehme Müdigkeit) lebensbereichernd
und motivierend wirken.
These:
Wir werfen Bumerangs, weil wir uns oder etwas damit ausdrücken
können.
Die Sinngebung Ausdruck, Ästhetik, Gestaltung spielt in
Sportarten wie z.B. dem Eislaufen, dem Turnen und Tanzen oder auch
dem Wasserspringen eine besondere Rolle. In all diesen Sportarten
werden Leistungen vornehmlich qualitativ und nicht quantitativ gemessen.
Diese Sinngebung hat im quantitativen Bumerangsport
(es geht um Zeiten, Weiten oder Punkte) sicher eine untergeordnete
Bedeutung. Werden in unseren Wettkämpfen die Bewegungsqualitäten
nicht berücksichtigt, so können im Bumerangwerfen trotzdem
schaustellerische, exhibitionistische Züge zu Tage treten.
Sei
es z.B. die Ungewöhnlichkeit des Flugobjektes, das man Neulingen
oder Zuschauern präsentiert, oder sei es die künstlerische
Gestaltung und Verzierung der Wurfgeräte: auch künstlerische,
darstellende Wesenszüge sind im Bumerangwerfen verinnerlicht.
Schließlich sind der individuellen Kreativität keine
Grenzen gesetzt: Du kannst originelle Trickfänge kreieren,
exotische Formen entwerfen und futuristisch bemalen oder Dir selbst
phantasievolle Ziele setzen und eigene Wurfregeln aufstellen. Bumerangbauer
und -werfer setzen sich eigene individuelle Schwerpunkte. Die Möglichkeit
zufälligen Beobachtern etwas Besonderes (nämlich den mit
scheinbar magischen Kräften zum Ausgangspunkt zurückkehrenden
Bumerang) bieten zu können, kann einen Präsentationscharakter
haben, der einem Programmpunkt im Zirkus um nichts nachsteht. Oder
hast Du noch nie einem Unbekannten Deine Bumerangs mit gewissem
Stolz vorgeführt?
These:
Wir werfen Bumerangs, weil wir uns die Geselligkeit so wichtig ist.
Diese These hat sicher ihre vorrangige Bedeutung im Mannschaftssport,
und hier vor allem in den Ballsportarten. Das betrifft den einstudierten
Angriffszug im Handball genauso wie die Synchronität im Ruder-Achter.
Mannschaftswettkämpfe sind eher die Ausnahme. Finden sie einmal
statt, geht es jedoch weniger um das Miteinander im Team. Vielmehr
wird vor allem taktiert, wer am besten zu welchem Zeitpunkt in welcher
Disziplin eingesetzt wird. Das Miteinander findet eher am Rande
statt.
Es
hat hier aber eine nicht zu unterschätzende Bedeutung. Gemeint
ist der Austausch von Beobachtungen und Erfahrungen auf dem Wettkampfplatz
oder auf der Wiese am Wochenende: Bumerangs werden verglichen, begutachtet,
getauscht; Baupläne werden abgezeichnet; Tips und Kniffe werden
ausgetauscht. Woher bekommst Du Dein Holz? Aus welchem Material
ist dieser Dreiflügler? Warum ist an dieser Seite noch ein
Unterschliff? Dies sind nur einige Aspekte, die andeuten, daß
Bumerangwerfen zu mehreren nicht nur die Wurffreude steigern, sondern
auch den eigenen Bumeranghorizont gewaltig erweitern
kann. Demgegenüber steht, daß Bumerangwerfen ein raumintensiver
Sport ist. Sobald sich mehr als 7 oder 8 Werfer einen Sportplatz
teilen, muß aus Sicherheitsgründen besonders diszipliniert,
das heißt z.B. in Kleingruppen immer der Reihe nach geworfen
werden. Bei steigender Werferzahl vermindert sich also das Wurfvergnügen,
z.B. durch Wartezeiten.
So
zeigt sich auch, daß sich auf lokaler Ebene nur schwer größere
Werfergruppen oder gar Vereine bilden. Bumerangwerfen ist also durchaus
auch ein Sport oder Freizeitspaß für Individualisten.
These:
Wir werfen Bumerangs, weil Bumerangwerfen so spannend ist.
Die hier als letzte behandelte Sinngebung ist durch ihre vielen
Bezeichnungen scheinbar weit gefächert: Spiel, Spannung, Abenteuer,
Wagnis, Risiko sind Begriffe, die dieses Motiv kennzeichnen. Wenn
der Spielbegriff jedoch im Sinne einer zweckfreien Tätigkeit
verstanden wird (der Anreiz liegt in der Sache selbst), so lassen
sich z.B. in Kombination mit den Bezeichnungen Risiko und Abenteuer
schnell Beziehungen zu neueren Trendsportarten wie Snowboardfahren,
Freeclimbing, Mountainbiking und Riverrafting oder traditionelleren
Sportarten wie Formel 1 Rennen oder Skiabfahrtslauf herstellen.
Das sind alles Sportarten, die von ihren Betreiber eine gewisse
Risikobereitschaft fordern. Erst wenn unklar bleibt, ob das jeweilige
Vorhaben wirklich gelingt, ist der Antrieb groß genug, es
überhaupt und dann immer und immer wieder zu versuchen (evtl.
mit gesteigerter Schwierigkeit).
In
dieser Sinngebung liegt meines Erachtens eine entscheidende Triebfeder
für viele Bumerangfreunde: Kommt mein gerade gebauter Bumerang
wirklich zurück? Gelingt mir so ein Superwurf wie
der letzte noch mal? Kann ich diesen schnellen Bumerang fangen?
Unzählige Fragestellungen mit ungewissem Ausgang ließen
sich formulieren. Spannung gepaart mit individuellen, steigenden
Leistungsansprüchen ist sicher ein entscheidendes Kriterium,
warum Bumerangwerfen von vielen als sinnvoll erlebt wird.
Alle
Bumerangwerfer kennen sogenannte Flow-Erlebnisse. Das Aufgehen in
der Tätigkeit Bumerangwerfen selbst. Der Werfer vergißt
die Zeit und alles um sich herum....noch ein Wurf ... und noch einer
und noch einer manchmal bis in die Dunkelheit. Diese Beobachtungen
mache ich besonders oft bei Schülern in meinen Arbeitsgemeinschaften,
die ich dann vom Sportplatz scheuchen muß, weil sie sonst
ihren Schulbus verpassen: Flow als nahezu vollendetes Glücksgefühl....(vgl.
M. Csikszentmihalyi: Flow - Das Geheimnis des Glücks. Stuttgart
1992).
Resümee
Anstelle einer Zusammenfassung mag jede Leserin und jeder Leser
aus der Fülle von Denkanstössen für sich selbst herausfinden,
was für sie oder ihn den Sinn des Bumerangwerfens ausmacht.
Ich wünsche dabei weiterhin viel Freude und Erfüllung.
Ulli Wegner
Meller Str. 59
33613 Bielefeld
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