Besondere Flügelenden
Heiterkeit bei ernstem Anliegen

Die
Freunde in Wedemark hatten eine lustige Stunde, als P.L. seine gerade
erstellten Bumerangs mit besonderen Flügelenden auf der Wiese
vorzeigte. Der mit dem Kamm, Adam Müller nachempfunden, reagierte
jedoch nur mit erhöhtem Luftwiderstand: trotz kräftigen
Wurfs erfolgte nur träges Eindrehen, sich verlangsamende Rotation,
Absturz weit vor Kreisende; der mit den Vogelschwingen-Ende schien
bessere Flugeigenschaften zu haben.
Als ich das Foto sah, fielen mir spontan ein: Induzierter Widerstand,
Winglets, Mike Hanson, Skizzen von Otto Lilienthal, Bilder von Vogelzügen
und Vogelflügeln, Bakwood. Ich meine, es könnte für
manchen Leser informativ sein, eine etwas ausführlichere Interpretation
dieses Fotos zu versuchen. Und gleichzeitig könnte ich so dem
Einsender die Ehre geben. Mein Thema würde dann heißen:
Der induzierte Widerstand und die Gestaltung der Flügelenden
von Bumerangs. Dabei halte ich nur die Segler (Starrflügel)-Perspektive,
nicht die Rotor-Perspektive (intermittierende Strömung). Ich
habe reichlich Bildmaterial zusammengestellt, auch um auf die entspr.
Bücher empfehlend hinzuweisen.
Was
also ist induzierter Widerstand? Antwort: Der durch den Druckausgleich
von der Flügel-Unterseite (Überdruck) zur Flügeloberseite
(Unterdruck) an Flügelenden entstehende Wirbelzopf. Leider
ist er, wie alle Luftbewegungen, unsichtbar, kann aber sichtbar
gemacht werden: Beim Fernseh-Zappen bekam ich gerade noch mit, wie
ein großes Verkehrsflugzeug zwischen zwei etwa 30 m hohen
Masten landete. An den Masten waren alle fünf Meter hoch Rauchtöpfe
angebracht, die unterschiedlich gefärbten Rauch in die Luft
verströmten und sogleich - kaum war das landende Flugzeug vorbei
- zwei größer werdende, von den Flügelenden einwärts
drehende Wirbel zeigten. Eindrucksvoll waren: die hohe Strömungsgeschwindigkeit
innerhalb der Wirbel und ihre schnell wachsende Ausdehnung, die
bald die Höhe der Masten überstieg. Eine indirekte Anzeige
erfolgt ja auch in der Keilformation großer Zugvögel.
Der vordere kämpft den Weg durch die Luft frei - deshalb wird
er auch häufig abgelöst - den jeweils hinter fliegenden
dienen die Vorwärts - und Aufwärtskomponenten des induzierten
Widerstands an den Flügelenden des vorausfliegenden zur Erleichterung
der Muskelarbeit.
Zur
Verminderung dieser Art von Widerstand gibt es für den Vogelflug
weitere Lösungen: die Flügelstreckung (große Spannweite
bei schmalen Flügeln (Albatros: 3 m - 15 cm)
oder
Auflösung des Flügelendes durch die Spreizung der Hand,
sodaß die einzelnen Schwungfedern sichtbar werden (alle Landsegler
mit breiten Flügeln).
Und
da sind wir wieder bei Peter Lorenz und seinen ausgebreiteten Eisträger-Hölzchen.
Sie weisen auf weitere technische Lösungen bei Flugzeugen:
Große Flügelstreckung, Winglets, Flügelschränkung,
Endscheiben.
Und bei Bumerangs?
Da
gibt es einmal eine Art Null-Lösung bei Howard Bakers Bakwoods.
Die in der Draufsicht leicht gerundeten Flügelenden hören
unbearbeitet einfach als steile Kante auf (noch eckiger als Abb.
7A), bei immerhin 6 mm Stärke.
Dann
gibt es die Rangs-Bumerangs eines australischen Herstellers, deren
besonders gestaltete Flügelenden in der Werbung für das
Gerät als erkennbar stabilisierend hervorgehoben werden (wie
Abb. 7D).
Irgendwo
dazwischen liegen wohl wir, mit harmonisch gerundeter Form, das
Material ein wenig verschlankt, die eigentlichen Kanten abgerundet.
Vor 12 Jahren hat Mick Hanson aus Schottland (in B.B.S.N. Nr. 10.82)
einmal seine Erfahrungen mit unterschiedlichen Flügelenden
(sogar einschl. Querflossen) zusammengestellt. (Die Übersetzung
ist teilweise gekürzt):
1:
Hinterkante nach vorn herumgezogen.
2:
Von H. L. Mayhew zufällig gebaut und mit 1 verglichen. Keine
Flugunterschiede. Mayhew: Form der Flügelenden weniger einflußreich
als Profil und Auftriebsmaß.
3:
Rusty Harding: Geringe Rundung = mehr Masse, größerer
Kreis, höhere Drehgeschwindigkeit.
4:
Tony Slater vermindert den Auftrieb durch einen Unterschliff am
Flügelende.
5:
Von Großherstellern an ihren Geräten bevorzugt.
6:
Flossen/Endscheiben scheinen gut für die Endphase, weil während
des Hovers viel Luft nach außen geschleudert wird. Wenn man
diese Luft halten könnte, würde der Auftrieb steigen,
was wir ja für MTA wünschen. Als Endscheibe angebracht,
wird das Werfen sehr behindert. Deshalb: Die Flosse einige cm vom
Ende wegschieben. Ich benutzte Plastik-Finnen, die ich leicht über
einen M 17 ziehen konnte. Sie erzeugten zwar die Laute einer (schottischen)
Todesfee, gleichzeitig wurde aber der Widerstand so groß,
daß der Spin aufhörte und der B. nach einem halben Kreis
abstürzte. - Warum enden meine Experimente nur immer ohne Ergebnisse?
So
klagt Mick; aber dennoch betrachtet er weiter, diesmal aus der Sicht
von hinten oder vorn.
A:
wird meist mit 3 benutzt.
B:
sieht gut aus.
C:
Benutze ich meistens und führe diesen Schliff noch um die Kante
herum.
Über
D gibt es eine Geschichte. Als ich das erstemal in Amstelveen war,
gefiel mir der Hover eines Bumerangs vom Jerome Quin. Er zeigte
mir das Geheimnis. Ich nahm an, daß die Wirkung durch diese
leichte V-Form hervorgerufen wurde.
Zuhause
kopierte ich gewissenhaft diese Form der Flügelenden. Im nächsten
Jahr in Amstelveen nahm mich Jerome beiseite. Und was sagte er.:
Alles, was ich dir im vorigen Jahr über meine Flügelenden
anvertraut habe, war nichts weiter als ein Haufen Unsinn (a load
of rubbish), das ist mir im Laufe der Zeit klar geworden. - So ist
es also. Wie soll ich nun bauen? Ich weiß es nicht. - Soweit
Mick Hanson. Nun kämen wir wieder zum Zuge. Welcher Leser uns
Bumerangbauer fühlt sich angeregt, seinerseits etwas zu dem
Thema Gestaltung der Flügelenden von Bumerangs (oder meiner
Bumerangs) beizutragen. Wir laden dazu ein.
Wenn es zu viele Abb. geworden sind, ich wollte mit ihnen auch empfehlend
auf die Bücher hinweisen, denen sie entnommen wurden:
1. Georg Rüppell: Vogelflug, Reinbek, 1980
2. Werner Nachtigall: Warum die Vögel fliegen,
Hbg., 1985
3. Otto Lilienthal: Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst,
Faksimile-Ausgabe, Dortmd. 1982 (urspr.: 1889).
wb
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