Zur Entwicklungsgeschichte von Wurfholz und Bumerang
Versuch eines kulturhistorischen Überblicks auf Grundlage
der Dissertation von J. E. J. Lenoch "Wurfholz und Bumerang";
Wien, 1949
Von Carolin Heitmann,
Mélanie Osterwinter und Ulli Wegner
LENOCH versucht in seiner Dissertation die kulturhistorischen
Grundlagen und Beziehungen eines Kulturelementes, des Wurfholzes,
zu erarbeiten und dabei sowohl zeitliche als auch räumliche
Aspekte zu berücksichtigen und miteinander zu verbinden (S.1ff).
Das 1. Kapitel in LENOCHs Arbeit beschäftigt sich damit, die
Begriffe Wurfholz und Bumerang voneinander abzugrenzen. Die folgenden
Kapitel sind geographisch nach Ländern und Regionen geordnet.
Zur Entstehung, Entwicklung und Begriffsbestimmung von Wurfholz
und Bumerang
Der Gebrauch des Wurfholzes ist seit der Jungsteinzeit (ab ca.
5000 v.Chr.) durch Felsmalereien belegt. Funde aus dieser Zeit sind
schwer als Einzelnachweise tauglich, da Holzgeräte durch Jahrtausende
nur schwer zu erhalten sind. In erster Linie war das Wurfholz eine
Jagdwaffe (Fernwaffe, Flugwaffe) zum Jagen von Hasen und Flugwild
sowie anderem Kleintier. Die Verwendung als Kampfwaffe spielte eine
untergeordnete Rolle.
Es verlor seinen Charakter als Kampfwaffe, sobald
die Kultur eine höhere Entwicklungsstufe erreichte. Das Wurfholz
entwickelte sich an mehreren Stellen der Erde unabhängig voneinander.
LENOCH geht bei seinen Untersuchungen davon aus, daß ein Untersuchungsgegenstand
(wie Wurfholz bzw. Bumerang) "durch Funktion, Form und Material
bestimmt wird" (S.8f). Die Entstehung von Wurfholz und Bumerang
ist damit unmittelbar mit den jeweiligen Umweltbedingungen und dem
Entwicklungsstand des entsprechenden Volkes verknüpft.
Die Umweltbedingungen setzen das Vorhandensein
von geeignetem Material (hier: Holz) mit einer gewissen Härte,
ausreichender Elastizität und einer in natürlichen Krümmung
verlaufenden, nicht unterbrochenen Maserung voraus. Hinzu kommt
die Existenz von Tieren, die gejagt werden konnten und das technische
Niveau, das zur Herstellung und Bedienung dieser Waffen Voraussetzung
war.
LENOCH beschreibt das Wurfholz wie folgt (S.18):
"Das Wurfholz ist ein flugfähiges, gekrümmtes
Holzstück mit oder ohne Griffbildung. Es wird in der Regel
geworfen, wobei es in der Luft rotiert, kann aber gelegentlich auch
zum Schlag benutzt werden. Im Gegensatz zur Wurfkeule kennt das
Wurfholz keine Konzentration der Treffwirkung. Nur die zum Werfer
zurückkehrende Variante heißt Bumerang."
Mit seiner Beschreibung des Gerätes grenzt
LENOCH den Begriff "Wurfholz" von anderen Begriffen wie
"Wurfkeule"oder "Wurfstock" ab. Bei der Wurfkeule
ist die Trefferwirkung meist im distalen Ende konzentriert, während
der Wurfstock ein beim Wurf rotierender, gerader, meist an
beiden Seiten zugespitzter und mit der Spitze einschlagender Stab
aus hartem Holz ist. Unter Bumerang wird die Spiel- und Sportvariante
des Wurfholzes verstanden, mit der ein Kehrwiederwurf ausgeführt
werden kann. Der Ursprung des Namens bleibt im Dunkeln, obwohl LENOCH
auf einige etymologische Versuche eingeht.
Bereits im zweiten Kapitel über Europa kommt LENOCH zu einem
unserer Meinung nach entscheidenden Ergebnis, in dem er festlegt,
wo die historischen Ursprünge des Bumerangs zu lokalisieren
sind. Wir haben uns aus diesem Grunde an dieser Stelle nicht allein
mit der Niederschrift von LENOCHS Darstellungen begnügt, sondern
sind seinen Quellentexten nachgegangen, um die Beweiskraft seiner
Kernaussage zu hinterfragen. Im Anschluß schildern wir seinen
geographischen Abriß.
Die Erfindung des Bumerangs wird allgemein den Australiern
zugesprochen, jedoch ist sie nach LENOCHs Ansicht eher für
Indien und den alten Orient wahrscheinlich und für Alteuropa
sogar erwiesen. Er bezieht sich damit auf zwei historische Texte,
im wesentlichen aber auf den von ISODORUS HISPALENSIS, dem damaligen
Bischof von Sevilla. Dieser schrieb im 7.Jhdt. in seinen "ORIGINES":
(Der Text ist aus der Arbeit von LENOCH, S.51, übernommen
worden. Die Begriffe in Klammern weisen auf abweichende Textstellen
zum Originaltext der "ISODORI" hin. Eine mögliche
Übersetzung des Textes - hier von Beate Rodenberg - lautet:)
Der clava (Stock) - so beschaffen wie
der des Hercules - ist er genannt worden, weil er mit eisernen Keulen
auf beiden Seiten befestigt wurde; er hat eine Länge von einer
halben Elle . Dies ist die cateia (Wurfkeule), die Horaz
caia (Prügel) nannte.
Es gibt nämlich eine Art eines gallischen
Geschosses aus sehr biegsamen (trägem) Material, das, wenn
es geworfen wird, nicht lange fliegt, weil es so schwer ist, aber
dennoch dort ankommt, und das nur mit viel Kraft zerbricht; wenn
es nun aber von einem Meister (Erbauer) geworfen wird, kehrt es
wiederum zu dem zurück, der es geworfen hat. Vergil erinnert
in seinen Worten daran: "Nach Art der Teutonen pflegte man
Wurfkeulen zu schleudern". Von da rufen sowohl die Spanier
als auch die Germanen diese teutonas.
Erläuterungen (z.T. aus kritischem
Kommentar):
clava,ae f.:ist ein mit einem
dicken oberen oder unteren Ende versehener Stock (eine Wurfkeule)
cateia,ae f.: (keltisches Wort)
ist eine Art Wurfkeule der Gallier und Germanen (Zitat aus engl.
Übersetzung/Kommentar OLD: "a curved missile weapon -
perhaps a boomerang"/ Langenscheidt Wörterbuch: "eine
Art Bumerang")
caia,ae f.: ein "Prügel",
seltenes Wort (bei Isodorus belegt)
cubitum, i n.: die Elle (damals
44cm)
Bereits bei der Auswertung dieser Textstelle wird
klar, wie groß der interpretatorische Spielraum ist. Beachtenswert
ist jedoch allemal, daß sowohl anerkannte englische als auch
deutsche Fachwörterbücher die Möglichkeit einräumen,
daß dieser Bericht die Beschreibung eines Bumerangs
enthält. Die Existenz von Bumerangs im damaligen Europa
wird also durchaus für möglich gehalten.
Gleichermaßen muß jedoch ebenfalls
eingeräumt werden, daß mythische Helden und Götter
häufig Waffen tragen, die stets von allein zurückkehren.
Die Maßangabe von einer halben Elle - zur
damaligen Zeit der kleinwüchsigeren Menschen etwa 22cm - spricht
allerdings bei der Schwere des beschriebenen Gerätes nicht
gerade dafür, daß es sich bei der cateia um ein Kehrwiederholz
gehandelt hat.
Eine zweite von LENOCH herangezogene historische
Textstelle hilft diesbezüglich nicht weiter, da letztlich ungeklärt
bleibt, was eine cateia ist. Caius Silius Italicus schreibt (Übersetzung
B.R.):
Dann erst lernten die Maker von Cinyps, wie
man im Lager nach phönikischer Art Zelte aufschlägt; Bärte,
die vor Schmutz starren, bedecken die Gesichter der Männer;
Felle einer haarigen Ziege bedecken ihre Schultern; die Hand ist
mit einer Cateia (s.o.) bewaffnet.
Im folgenden haben wir versucht, die Texte LENOCHS
mit kartographischer Hilfe im Überblick zu erfassen.
EUROPA

Älteste Belege (Felsmalereien) für den Gebrauch des Wurfholzes
gibt es aus dem Jungpaläolithikum (ca. 5000-1800 v.Chr.); ab
da durchgängig vorhanden bis in die vorchristliche Antike:
Im kretisch-minoischen Kreis (ca. 2000 v.Chr.):
Würdezeichen militärischer Führer. In Griechenland
gebräuchliche Waffe mit der Bezeichnung "Lagobolon"
= Hasenschläger, Hasenwerfer.
Für die Römer (ab ca. 500 v.Chr.)
ist der Gebrauch des Wurfholzes nicht bezeugt, allenfalls bei der
Landbevölkerung zur Hasenjagd. Bei der Cateia scheint
es sich um eine gekrümmte Waffe mit der Eigenschaft des Wiederkehrens
- also um einen Bumerang - gehandelt zu haben, die von Galliern
& Teutonen (ab ca.100 n.Chr.) gebraucht wurde.
Für den Norden ist das Wurfholz für die
Vogeljagd nachgewiesen, etwa zur Zeit der Goten (ab ca. 100 n.Chr.).
Nordskandinavien: Wurfholz seit der Jungsteinzeit (ca. 5000
v.Chr.) bekannt.
Ural: Funde aus der Zeit von 2000 v.Chr.
Die Herkunft des Wurfholzes ist ungeklärt.
Eine Übertragung aus außereuropäischen Kulturen
ist unwahrscheinlich, jedoch ist eine Beeinflussung aus dem alten
Orient (Vorderasien) anzunehmen.
Ulli Wegner
Meller Str. 59
33613 Bielefeld
(Teil 2 in der
nächsten Ausgabe)
|